Warum am 1. September 1896 die Abtrennung vom Flachgau erfolgte / Historische Anekdoten zur Gründung des „jüngsten“ Salzburger Bezirks
(LK) Die Bezirkshauptleute fuhren noch mit Pferdegespannen zu ihren Terminen. In den entlegensten Ort des Bezirks sollten sie an einem Tag hin und retour kommen. Doch genau das war im Bezirk Salzburg-Land 1896 nicht mehr möglich. Der Bezirk Salzburg-Land war zu groß. Also musste ein eigener Bezirk her – inklusive Kontroverse um den Bezirkshauptort.

Der Tennengau existiert seit 130 Jahren als eigenständiger Bezirk. Im Bild: das ehemalige Kloster auf dem Georgsberg - Sitz der "BH" von 1896 bis 1938 (Aufnahme von 1910).

Seit 2023 wird die BH Hallein von Bezirkshauptfrau Monika Vogl geleitet. Erstmals in der Geschichte des Bezirks ist eine Frau die Leiterin der Behörde.

Zwischen 1945 und 1959 war die Bezirkshauptmannschaft Hallein im ehemaligen Mutterhaus der Halleiner Schulschwestern untergebracht (Aufnahme von 1935).

1959 zog die BH Hallein an den Doktor-Adolf-Schärf-Platz um und blieb bis 2016 (Aufnahme von 1996).

Seit 2016 ist der Sitz der BH Hallein in der Schwarzstraße 14. Im November 2016 wurde dort das moderne Verwaltungsgebäude eröffnet.
Seit 130 Jahren existiert der Tennengau als eigenständiger Bezirk. Er ist damit der jüngste Bezirk Salzburgs. Am 1. September gibt es einen Festakt zum runden Jubiläum mit Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern in der Bezirkshauptmannschaft Hallein. Historiker Wolfgang Wintersteller wird dazu den Festvortrag halten. Er hat einige kuriose und amüsante geschichtliche Fakten und Erzählungen zur Gründung und Geschichte des Tennengaus parat.
Pferdegespann: Bezirk Salzburg-Land „zu groß“
Seit 1868 gab es im damaligen Herzogtum Salzburg vier Bezirke: Salzburg-Land (Hauptort: Salzburg), Pinzgau (Hauptort: Zell am See), Pongau (Hauptort: St. Johann im Pongau) und Lungau (Hauptort: Tamsweg). „Aufgrund der Größe des Bezirks Salzburg-Land war die Arbeit für den Bezirkshauptmann kaum mehr zu bewältigen. In der Monarchie galt die Faustregel, dass ein Bezirk so groß sein sollte, dass der Bezirkshauptmann, wenn er in der Früh mit dem Pferdegespann in den entlegensten Ort fuhr, am Abend wieder zu Hause sein sollte. Vor allem älteren Personen aus weit entfernten Gemeinden war die Anreise zum Bezirkshauptort nicht zumutbar“, informiert Historiker Wolfgang Wintersteller.
Politik setzt sich für neuen Bezirk ein
Ein Verwaltungssprengel sollte in der Monarchie rund 1.000 Quadratkilometer aufweisen, Salzburg-Land hatte jedoch 1.700 Quadratkilometer. „Den ersten politischen Vorstoß für eine eigene Bezirkshauptmannschaft Tennengau gab es 1894, als Gemeinden im Süden des Bezirks Salzburg-Land eine Petition starteten. Im selben Jahr stellte der Salzburger Landtagsabgeordnete Julius Haagn einen Antrag zur Einrichtung einer Verwaltungsbehörde im Tennengau. Der damalige Halleiner Bürgermeister Josef Schöndorfer nahm diesen Vorstoß sehr positiv auf, da die Behörde eine Aufwertung für Hallein bedeutet hätte“, berichtet Wolfgang Wintersteller.
Kaiserliche Zustimmung
Der Landespräsident von Salzburg, Sigmund Graf von Thun und Hohenstein, stellte 1895 den Antrag an das k.k. Innenministerium, die Bezirkshauptmannschaft Tennengau einzurichten. Schlussendlich erteilte Kaiser Franz Joseph noch im Jahr 1895 seine Zustimmung und genehmigte damit die Schaffung des neuen Behördensitzes. Dies trat am 1. September 1896 in Kraft. „Zunächst umstritten war die Anzahl der Dienstposten im Halleiner Verwaltungssitz. Ursprünglich sollten nur fünf Beamte tätig sein: ein Bezirkshauptmann mit vor allem repräsentativen Aufgaben, ein Bezirkshauptmann-Kommissär für die tatsächliche Verwaltungsarbeit, ein Bezirkssekretär, ein Bezirksarzt sowie ein Bezirkstierarzt“, sagt Wolfgang Wintersteller.
„Justitia“ für Bezirksgrenzen verantwortlich
Bei der Gemeindezusammensetzung des Tennengaus spielten die Bezirksgerichte eine entscheidende Rolle. „Der neue Bezirk sollte drei Bezirksgerichte umfassen: Abtenau, Golling und Hallein. Jene Gemeinden, die zu diesen Gerichtssprengeln zählten, wurden Teil des Bezirks. Im Laufe des Jahres 1895 kam es zu einer Kontroverse zwischen Hallein und Golling um den Bezirkshauptort. Aus dem k.k. Innenministerium kam der Vorschlag, auch das Bezirksgericht Werfen einzubeziehen, wodurch Golling besser gelegen gewesen wäre. Die Gemeindevorstehung von Golling verfasste einen Bericht an das Ministerium. Darin hob sie die gute Luft, das saubere Trinkwasser und die Tatsache hervor, dass die Marktgemeinde im Gegensatz zu Hallein von Epidemien verschont geblieben sei. Am Ende wurde der neue Hauptort aber Hallein“, so Wolfgang Wintersteller.
Eingemeindungen mit Hilfe eines Tricks
Bevor Hallein 1896 zum Bezirkshauptort wurde, kam es 1895 zu einer wichtigen Eingemeindung. Die beiden selbstständigen Orte Burgfried und Taxach-Rif wurden mit Hallein vereinigt. Unter der Führung von Landeshauptmann Albert Schumacher wurde die Eingemeindung mit Hilfe eines politischen „Tricks” im Landtag umgesetzt. „Bei der entscheidenden Abstimmung stand es elf zu elf. Landeshauptmann Albert Schumacher legte den Vorsitz nieder und durfte nun mitstimmen, ein Gegner der Eingemeindung den Vorsitz übernehmen. Mit zwölf zu zehn Stimmen wurde letztendlich die Eingemeindung beschlossen. Albert Schumacher wurde später vom Kaiser in den Adelsstand erhoben. Er wählte den Namen ‚Ritter vom Tännengau‘“, führt Wolfgang Wintersteller aus.
Die NS-Zeit als Zäsur
Zwischen März 1938 und Mai 1945 gab es im Tennengau keine Bezirkshauptmannschaft. „Die Nationalsozialisten führten bald nach der Machtergreifung ein sogenanntes Landesratsamt ein. Der bisherige Bezirkshauptmann Rudolf Dworzak wurde umgehend verhaftet und bei öffentlichen Putzarbeiten gedemütigt. Er musste die Parolen des Ständestaats entfernen. Dworzak war eine Hassfigur für die Nationalsozialisten und andere Parteien, da er immer wieder Putzkolonnen mit Sozialisten, Kommunisten und Nationalsozialisten zusammengestellt hatte, um deren Parolen entfernen zu lassen. Jetzt folgte die Rache der neuen Diktatur. Kommunale Veränderungen gab es in der NS-Zeit beispielsweise in Oberalm. Der Ort wurde nach Hallein eingemeindet. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte dies zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gemeinden. Es dauerte bis 1952, bis Oberalm wieder seine Selbstständigkeit erlangte“, berichtet Wolfgang Wintersteller.
Tennengauer Bevölkerung fast verdreifacht
Zwischen 1896 und 2026 hat sich die Bevölkerung im Tennengau fast verdreifacht. „1900 zählte der Bezirk rund 22.400 Einwohnerinnen und Einwohner. Mit Jahresanfang 2026 waren es exakt 62.185. Die Bevölkerung ist somit um den Faktor 2,8 gewachsen. Nur im Flachgau und in der Stadt Salzburg lag dieser Wert höher“, berichtet der Leiter der Landesstatistik, Gernot Filipp, und ergänzt. „2025 war der Tennengau mit 42,9 Jahren auch der ,jüngste‘ Bezirk im Bundesland. 20,8 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner waren unter 20 Jahren. Im Zehn-Jahres-Vergleich, zwischen dem 1. Jänner 2015 und dem 31. Dezember 2024, ist Hallein aufgrund der Geburtenbilanz um 2,3 Prozent gewachsen. Das ist der höchste Wert im Bezirksvergleich.“
Vogl: „Behörde als universeller Dienstleister.“
Der Tennengau war bereits vor mehr als 2.500 Jahren ein bedeutendes Wirtschaftszentrum, was nicht zuletzt dem Salzabbau am Dürrnberg zu verdanken war. Auch im Mittelalter und in der frühen Neuzeit bestimmte das „weiße Gold” den Wohlstand Salzburgs. Mit der Industrialisierung kamen die Fabriken nach Hallein. „Der gesamte Bezirk hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als Standort, wie auch als Wohnort immens entwickelt. Industrie, Landwirtschaft, unterschiedlichste Bildungseinrichtungen, Sicherheit, Soziales und Verkehr: Diese Vielfalt spiegelt sich auch in unseren Aufgaben als Bezirkshauptmannschaft wider. Fast alle Schauplätze, die es in der Bezirksverwaltung gibt, spielen bei uns eine Rolle. Das zeigt sich auch in den zahlreichen und unterschiedlichen Behördenverfahren, die meine Kolleginnen und Kollegen in der BH Hallein mit großer Kompetenz und Umsicht führen“, sagt Bezirkshauptfrau Monika Vogl.
Der Tennengau im Überblick
- Fläche: 668 Quadratkilometer (etwas größer als der Inselstaat St. Lucia in der Karibik, etwas kleiner als das Bundesland Hamburg).
- Einwohnerzahl: 62.185 (Stand 1. Jänner 2026) Damit entspricht die Einwohnerzahl im Tennengau einer durchschnittlichen Bezirkshauptmannschaft in Österreich.
- Anzahl der Gemeinden: 13
- Größte Gemeinde (Fläche): Abtenau (186,95 Quadratkilometer – fast 28 Prozent der Bezirksfläche)
- Kleinste Gemeinde (Fläche): Oberalm (6,39 Quadratkilometer – 0,95 Prozent der Bezirksfläche).
- Größte Gemeinde (Einwohner): Hallein: 21.607 (Stand 1. Jänner 2026 - 34,8 Prozent der Bezirkseinwohner).
- Kleinste Gemeinde (Einwohner): Rußbach am Pass Gschütt: 784 (Stand 1. Jänner 2026 - 1,3 Prozent der Bezirkseinwohner)
- Höchster Berg: Hoher Göll (2.522 Meter)
- Längster Fluss: Lammer
- Größter See: Wiestalstausee
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Redaktion: Landes-Medienzentrum / LK_260827_90 (msc/hei)